Von Dr. Matthias Weidenfeld, Leiter Fixed Income Research
Februar 2025
Die globalen Anleihenmärkte befinden sich in einer historischen Transformationsphase. Nach mehr als einem Jahrzehnt ultraexpansiver Geldpolitik erleben wir nun eine grundlegende Neuordnung der Zinslandschaft mit weitreichenden Implikationen für Anleger. Diese Veränderungen sind nicht nur zyklischer Natur – sie markieren einen strukturellen Umbruch, der ein grundsätzliches Umdenken in der Asset-Allokation und im Risikomanagement erfordert.
Der Paradigmenwechsel in der Geldpolitik der führenden Zentralbanken hat zu einer Neubewertung festverzinslicher Wertpapiere geführt. Nach der aggressiven Bekämpfung der Post-Pandemie-Inflation haben sich die Leitzinsen auf einem Niveau stabilisiert, das deutlich über dem der Niedrigzinsära liegt. Während die EZB ihren Lockerungszyklus bereits eingeleitet hat, hält die Federal Reserve an einer restriktiveren Haltung fest.
Diese Divergenz schafft interessante Arbitragemöglichkeiten zwischen verschiedenen Währungsräumen. Die inverse Zinsstrukturkurve in den USA hat sich normalisiert, während die europäische Zinskurve eine moderate Steigung aufweist. Diese Unterschiede in der Steilheit der Kurven bieten taktische Chancen für relative-Value-Strategien, insbesondere im mittleren Laufzeitenbereich (5-7 Jahre).
Besonders bemerkenswert ist die strukturelle Verschiebung im langfristigen Gleichgewichtszinssatz (r*). Unsere proprietären Modelle deuten darauf hin, dass r* in den entwickelten Volkswirtschaften um etwa 75-100 Basispunkte gestiegen ist, verglichen mit dem Vor-Pandemie-Niveau. Diese Neukalibrierung resultiert aus mehreren strukturellen Faktoren:
Deglobalisierung und Umstrukturierung von Lieferketten: Die strategische Neuausrichtung globaler Produktionsnetzwerke führt zu erhöhten Produktionskosten und langfristig höherem Inflationsdruck.
Fiskalische Expansion: Die anhaltend hohe Staatsverschuldung in den führenden Volkswirtschaften erhöht die Risikoprämien und übt Aufwärtsdruck auf die Langfristzinsen aus.
Demographischer Wandel: Die Alterung der Bevölkerung in entwickelten Volkswirtschaften verändert das Verhältnis zwischen Sparern und Investoren und modifiziert die langfristige Kapitalmarktdynamik.
Energiewende: Die massive Kapitalallokation, die für den Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft erforderlich ist, erhöht die Kapitalnachfrage und damit den Gleichgewichtszinssatz.
Unsere ökonometrischen Modelle zeigen eine signifikante Veränderung in der Beziehung zwischen Zentralbankbilanzen und langfristigen Zinssätzen. Während der QE-Ära führte eine Ausweitung der Zentralbankbilanzen um 1% des BIP zu einer durchschnittlichen Reduktion der 10-jährigen Staatsanleihenrenditen um etwa 7 Basispunkte. Im aktuellen Umfeld des Quantitative Tightening beobachten wir jedoch eine asymmetrische Wirkung: Eine Reduzierung der Bilanzen um 1% des BIP führt zu einem Anstieg der langfristigen Zinsen um 9-11 Basispunkte.
Diese Asymmetrie erklärt sich durch die veränderten Mikro- und Makrostrukturen der Anleihenmärkte. Die reduzierte Marktliquidität und die veränderte Zusammensetzung der Investorenbasis führen zu nicht-linearen Preisreaktionen. Institutionelle Anleger wie Pensionsfonds und Versicherungen, die während der Niedrigzinsphase gezwungen waren, in risikoreichere Assets zu investieren, kehren nun zu ihren natürlichen Habitats im Fixed-Income-Bereich zurück.
Eine detaillierte Analyse der Zahlungsströme zwischen verschiedenen Investorenkategorien zeigt, dass in den letzten 18 Monaten mehr als 620 Milliarden Euro von Multi-Asset-Strategien in dedizierte Fixed-Income-Mandate umgeschichtet wurden. Diese Rotation ist ein starker struktureller Treiber, der die Zinsdynamik über mehrere Quartale hinweg beeinflussen wird.
Eine der bemerkenswertesten Entwicklungen der letzten Jahre ist die Wiederkehr signifikanter Laufzeitprämien (Term Premia) in den globalen Anleihenmärkten. Nach einem Jahrzehnt, in dem die Term Premia durch aggressive Zentralbankinterventionen nahezu eliminiert wurden, erleben wir nun eine Rückkehr zu normaleren Verhältnissen.
Unsere modifizierte Variante des Adrian-Crump-Moench-Modells zeigt, dass die Term Premium für 10-jährige US-Treasuries von negativen Werten während der Niedrigzinsphase auf aktuell etwa 45-50 Basispunkte gestiegen ist. Für deutsche Bundesanleihen beobachten wir einen ähnlichen Trend, wenn auch auf niedrigerem absoluten Niveau. Diese Wiederherstellung der Term Premium hat weitreichende Implikationen für die strategische Asset-Allokation und das Risikomanagement.
Die höhere Term Premium verbessert das Risiko-Rendite-Profil von Duration erheblich und macht festverzinsliche Wertpapiere wieder zu einer attraktiven eigenständigen Anlageklasse. Anleger werden nun wieder angemessen für das Eingehen von Durationsrisiken kompensiert – ein fundamentaler Wandel gegenüber der Niedrigzinsphase.
Die Divergenz in der Geldpolitik der großen Zentralbanken führt zu signifikanten Unterschieden in den realen Zinssätzen zwischen verschiedenen Währungsräumen. Diese Unterschiede schaffen interessante Opportunitäten für währungsgesicherte Anleiheninvestments.
Besonders bemerkenswert ist die Situation bei japanischen Staatsanleihen (JGBs). Die Bank of Japan hält weiterhin an ihrer Yield-Curve-Control-Politik fest, wenn auch mit größerer Flexibilität. Die 10-jährigen JGB-Renditen werden effektiv bei etwa 1% gehalten, während die Inflation in Japan mittlerweile nachhaltig über 2% liegt. Diese negative Realverzinsung steht im starken Kontrast zu den positiven Realrenditen in den USA und Europa.
Für europäische Anleger bieten währungsgesicherte US-Treasuries derzeit einen Renditeaufschlag von etwa 25-30 Basispunkten gegenüber vergleichbaren europäischen Staatsanleihen – eine Prämie, die historisch betrachtet attraktiv ist. Diese Differenz erklärt sich durch technische Faktoren am Cross-Currency-Swap-Markt und bietet eine interessante Diversifikationsmöglichkeit für Euro-basierte Fixed-Income-Portfolios.
In diesem neuen Zinsumfeld empfehlen wir eine differenzierte und dynamische Herangehensweise an das Durationsmanagement. Anders als in der Niedrigzinsphase, in der eine strukturelle Untergewichtung der Duration rational war, bietet das aktuelle Umfeld Chancen für aktives Durationsmanagement.
Unsere proprietären Zinsmodelle deuten darauf hin, dass die Volatilität der Zinsen zwar erhöht bleibt, aber die Extremausschläge der Post-Pandemie-Phase nachlassen werden. Dies schafft ein günstigeres Umfeld für taktische Duration-Anpassungen basierend auf makroökonomischen Daten und geldpolitischen Entwicklungen.
Für Core-Fixed-Income-Mandate empfehlen wir eine neutrale bis leicht längere Durationspositionierung, mit taktischen Anpassungen basierend auf unserem proprietären Zinsmodell. Besonders interessant erscheint derzeit eine übergewichtete Position im 7-10-jährigen Segment der US-Zinskurve, kombiniert mit einer Untergewichtung im 2-3-jährigen Bereich.
Die veränderte Zinslandschaft führt zu einer Neubewertung von Kredit- und Liquiditätsrisiken. Nach Jahren, in denen selbst fundamentale schwache Unternehmen von günstigen Finanzierungsbedingungen profitieren konnten, erleben wir nun eine gesunde Differenzierung im Kreditmarkt.
Unsere proprietäre Kreditrisikoanalyse zeigt eine zunehmende Dispersion der Risikoprämien, insbesondere im High-Yield-Segment. Die Spreads zwischen BB- und B-bewerteten Anleihen haben sich auf über 250 Basispunkte ausgeweitet – ein Niveau, das zuletzt 2016 erreicht wurde. Diese Differenzierung schafft attraktive Möglichkeiten für aktive Manager mit fundierten Kreditanalysefähigkeiten.
Eine detaillierte Zerlegung der Kreditspreads in ihre Komponenten offenbart interessante Einsichten. Unser Modell unterscheidet zwischen:
Unsere Analyse zeigt, dass sich die Zusammensetzung der Spreads in den letzten zwei Jahren signifikant verändert hat. Während in der Niedrigzinsphase die Liquiditätsprämie den größten Anteil ausmachte, beobachten wir nun eine Zunahme der systematischen und idiosynkratischen Risikokomponenten. Diese Verschiebung begünstigt Anleger mit überlegenen Fähigkeiten in der Fundamentalanalyse und dem Security Selection.
Ein kritischer Aspekt der aktuellen Kreditmärkte ist die bevorstehende “Maturity Wall” im Unternehmensanleihenmarkt. In den kommenden 24 Monaten werden globale Unternehmen Anleihen im Wert von über 1,8 Billionen US-Dollar refinanzieren müssen – zu deutlich höheren Zinssätzen als bei der ursprünglichen Emission.
Unsere granulare Analyse der Refinanzierungsprofile zeigt signifikante Unterschiede zwischen verschiedenen Sektoren und Regionen:
US High Yield: Die Refinanzierungswelle konzentriert sich auf 2025-2026, mit einem Peak im dritten Quartal 2025. Besonders exponiert sind Unternehmen aus den Sektoren Energie, Einzelhandel und Gesundheitswesen.
Europäischer High Yield: Hier ist die Refinanzierung gleichmäßiger über 2025-2027 verteilt, mit einem moderateren Anstieg der Finanzierungskosten aufgrund der niedrigeren Ausgangscoupons.
Investment Grade: Im IG-Bereich beobachten wir eine proaktive Refinanzierungsstrategie vieler Emittenten, die die temporären Marktfenster in 2024 genutzt haben, um fällig werdende Anleihen vorzeitig zu refinanzieren.
Diese Refinanzierungswelle wird zu einer stärkeren Divergenz in den Kreditqualitäten führen. Unternehmen mit starken Geschäftsmodellen und soliden Bilanzen werden den Anstieg der Finanzierungskosten absorbieren können, während margenschwache Unternehmen mit hoher Verschuldung unter Druck geraten werden. Diese Entwicklung wird zu einer erhöhten Volatilität im High-Yield-Segment führen, bietet aber auch attraktive Chancen für selektive Investments.
Die sektorale Kreditanalyse zeigt deutliche Unterschiede in der Widerstandsfähigkeit verschiedener Branchen gegenüber dem veränderten Zinsumfeld:
Technologiesektor: Trotz der signifikanten Korrektur in den Technologieaktien bleibt die Kreditqualität der etablierten Technologieunternehmen robust. Die hohen Cashflow-Margen, niedrigen Verschuldungsgrade und substanziellen Liquiditätsreserven machen diesen Sektor zu einem defensiven Anker in Unternehmensanleihenportfolios.
Finanzsektor: Europäische Banken haben von steigenden Zinsen profitiert und ihre Kapitalquoten weiter gestärkt. Die Subordinated-Debt-Instrumente europäischer Banken bieten attraktive Risikoprämien bei verbessertem fundamentalem Risikoprofil.
Immobiliensektor: Hier beobachten wir die größte Dispersion der Kreditqualität. Während erstklassige Büro- und Logistikimmobilien widerstandsfähig bleiben, stehen B-Lagen und der stationäre Einzelhandel unter erheblichem Druck. Die Refinanzierung von Commercial Mortgage-Backed Securities (CMBS) wird ein kritischer Stresstest für diesen Sektor sein.
Energiesektor: Die verbesserten Bilanzen der großen Energieunternehmen nach Jahren hoher Cashflows machen diesen Sektor weniger anfällig für Zinserhöhungen. Besonders interessant erscheinen hybride Instrumente von integrierten Energieunternehmen, die in ihre erneuerbare Energiesparte investieren.
Zyklische Konsumgüter: Dieser Sektor zeigt die höchste Korrelation mit dem Zinszyklus. Die Kombination aus nachlassender Konsumnachfrage und steigenden Finanzierungskosten setzt vor allem hochverschuldete Einzelhändler unter Druck. Hier ist besondere Selektivität geboten.
Ein bemerkenswerter struktureller Trend ist das kontinuierliche Wachstum des Private-Credit-Marktes. Die Zurückhaltung traditioneller Banken bei der Kreditvergabe hat eine strukturelle Finanzierungslücke geschaffen, die von alternativen Kreditgebern gefüllt wird.
Besonders interessant erscheinen Mezzanine-Finanzierungen und Senior-Secured-Loans im mittleren Marktsegment (Unternehmen mit einem EBITDA von 20-100 Millionen Euro). Dieses Segment bietet attraktive Risikoprämien von 400-600 Basispunkten über dem risikofreien Zinssatz, bei überschaubaren Ausfallrisiken und soliden Sicherheitenstrukturen.
Die Integration von Private Credit in traditionelle Fixed-Income-Portfolios bietet Diversifikationsvorteile und kann das Rendite-Risiko-Profil verbessern. Allerdings erfordert diese Anlageklasse spezialisierte Due-Diligence-Fähigkeiten und ein tiefes Verständnis der zugrundeliegenden Geschäftsmodelle.
Die Integration von ESG-Faktoren in die Kreditanalyse ist nicht mehr nur eine regulatorische Anforderung, sondern zunehmend ein wichtiger Faktor für die Bewertung langfristiger Kreditrisiken.
Unsere proprietäre ESG-Kreditmatrix kombiniert traditionelle Kreditkennzahlen mit ESG-Risikofaktoren und hat sich als effektiver Indikator für langfristige Kreditperformance erwiesen. Insbesondere die Governance-Komponente zeigt eine hohe Korrelation mit zukünftigen Rating-Änderungen und Spread-Entwicklungen.
Bemerkenswert ist die zunehmende Differenzierung der Risikoprämien zwischen ESG-Leadern und -Laggards. In Sektoren mit hohen Transitionsrisiken wie Energie, Materialien und Versorgern beobachten wir Spreadunterschiede von 30-50 Basispunkten zwischen Unternehmen mit ähnlichen Kreditratings aber unterschiedlichen ESG-Profilen.
Die Green-Bond- und Sustainability-Linked-Bond-Märkte haben sich zu eigenständigen Segmenten entwickelt, mit spezifischen Preisdynamiken und Investorenpräferenzen. Besonders Sustainability-Linked Bonds mit ambitionierten und gut strukturierten KPIs bieten interessante Opportunitäten, da der Markt die Wahrscheinlichkeit des Erreichens der Nachhaltigkeitsziele oft falsch einschätzt.
Die strukturelle Neubewertung von Inflationsrisiken erfordert einen differenzierten Blick auf inflationsgeschützte Anleihen (ILBs). Nach der extremen Volatilität der letzten Jahre haben sich die Inflationserwartungen auf einem Niveau stabilisiert, das leicht über den Zielwerten der Zentralbanken liegt.
Unsere Analyse der Breakeven-Inflation zeigt interessante Divergenzen zwischen verschiedenen Märkten. Während die 5-jährige Breakeven-Inflation in den USA bei 2,4% liegt, beträgt sie in der Eurozone nur 2,1%. Diese Diskrepanz reflektiert unterschiedliche strukturelle Inflationsdynamiken und bietet interessante relative-Value-Opportunitäten.
Die Zerlegung der Breakeven-Inflation in ihre Komponenten – erwartete Inflation und Inflationsrisikoprämie – offenbart weitere Einsichten. Während der voluminduzierten Inflationsspitze in 2022-2023 war die Inflationsrisikoprämie stark positiv, was zu überhöhten Breakeven-Raten führte. Im aktuellen Umfeld hat sich die Risikoprämie normalisiert, und die Breakeven-Raten spiegeln nun präziser die tatsächlichen Inflationserwartungen wider.
Unsere proprietären Inflationsmodelle unterscheiden zwischen:
Diese differenzierte Betrachtung ermöglicht eine präzisere Bewertung von Inflationsrisiken und deren Implikationen für verschiedene Anleiheninstrumente.
Die Inflationsdynamik zeigt bemerkenswerte regionale Unterschiede, die taktische Opportunitäten für ILB-Investoren bieten:
USA: Die Kerninflation hat sich hartnäckiger als erwartet erwiesen, mit einer strukturellen Komponente im Dienstleistungssektor, insbesondere bei wohnungsbezogenen Kosten. Die Owner’s Equivalent Rent (OER) Komponente des CPI zeigt eine verzögerte Anpassung an die Entwicklung der Immobilienpreise.
Eurozone: Hier beobachten wir eine heterogene Inflationsdynamik zwischen den Kernländern und der Peripherie. Während Deutschland eine rasche Disinflation erfährt, bleiben die Inflationsraten in Ländern wie Spanien und Italien erhöht, hauptsächlich getrieben durch den Dienstleistungssektor und Lohnsteigerungen.
Großbritannien: Die UK-Inflation zeigt eine höhere Volatilität, beeinflusst durch Brexit-Folgen, Arbeitskräftemangel und energiepolitische Entscheidungen. Die Umstellung des Inflationsindex von RPI auf CPIH hat zu technischen Verzerrungen im Linker-Markt geführt.
Japan: Nach Jahrzehnten der Deflation erlebt Japan nun eine nachhaltigere Inflationsdynamik, unterstützt durch strukturelle Reformen und eine Abkehr von der Deflationsmentalität. Japanische inflationsindexierte Anleihen sind in diesem Kontext besonders interessant.
Besonders attraktiv erscheinen derzeit britische inflationsgeschützte Anleihen (UK Linkers), die nach der jüngsten Volatilität am Gilt-Markt deutlich unterbewertet sind. Die Änderung des Inflationsindex von RPI zu CPIH hat zu technischen Verzerrungen geführt, die rationale Investoren nutzen können.
In den USA bieten TIPS im 5-7-jährigen Segment aktuell eine attraktive Kombination aus Realrendite und Inflationsschutz. Die reale Renditekurve hat sich normalisiert, und TIPS bieten nun positive Realrenditen über alle Laufzeiten hinweg.
Für europäische Investoren sind französische OATi und italienische BTPei besonders interessant, da sie Spreads gegenüber deutschen Bundesanleihen bieten, die die tatsächlichen Inflationsunterschiede übersteigen. Die Korrelation zwischen Inflation und Kreditrisiko wird vom Markt häufig überschätzt.
Aus strategischer Sicht empfehlen wir eine Kernallokation zu ILBs als strukturellen Portfoliobestandteil, ergänzt durch taktische Positionierungen basierend auf unseren Inflationsmodellen und relativen Bewertungsmaßstäben.
Der Markt für Schwellenländeranleihen hat sich zu einer hochgradig differenzierten Anlageklasse entwickelt. Die pauschale Kategorisierung als “Emerging Markets” wird der Heterogenität dieser Länder nicht mehr gerecht.
Die Zusammensetzung des EM-Anleihenuniversums hat sich fundamental verändert. Der Anteil asiatischer Emittenten ist kontinuierlich gestiegen und macht mittlerweile über 50% des Hard-Currency-EM-Marktes aus. Gleichzeitig hat die Entwicklung lokaler Kapitalmärkte dazu geführt, dass Lokalwährungsanleihen für internationale Investoren zugänglicher und liquider geworden sind.
Ein weiterer bedeutender Trend ist die zunehmende Fragmentierung entlang geopolitischer Linien. Die Trennung zwischen China-nahen und westlich orientierten Schwellenländern wird immer deutlicher und hat Auswirkungen auf Kapitalflüsse, Handelsbeziehungen und wirtschaftliche Entwicklung.
Unsere umfassende Länderanalyse basiert auf einem proprietären Scoring-Modell, das 45 quantitative und qualitative Faktoren umfasst. Diese Faktoren decken makroökonomische Stabilität, fiskalische Nachhaltigkeit, externe Vulnerabilität, institutionelle Qualität und ESG-Kriterien ab.
Besonders attraktiv erscheinen derzeit:
Indonesische Lokalwährungsanleihen: Die stabile makroökonomische Politik, positive demographische Entwicklung und die reichen Rohstoffreserven positionieren Indonesien als einen der stabilsten Schwellenländermärkte. Die Renditen von 10-jährigen Rupiah-Anleihen von über 6,5% bieten eine attraktive Risikoprämie.
Mexikanische Peso-Anleihen: Mexiko profitiert vom Nearshoring-Trend und verfügt über eine konservative Zentralbank. Die inverse Zinsstrukturkurve bietet interessante Einstiegsmöglichkeiten im mittleren Laufzeitenbereich.
Selektive CEE-Anleihen: Die wirtschaftliche Integration mit Westeuropa und die strukturellen Reformen in Ländern wie Rumänien und Polen schaffen attraktive Chancen, insbesondere im Kontext der EU-Fördermittel.
Ausgewählte GCC-Staaten: Die wirtschaftlichen Diversifizierungsbemühungen, solide Staatsfonds und die moderate Verschuldung machen Länder wie die VAE und Katar zu attraktiven Investment-Grade-Alternativen mit Renditeaufschlag.
Gleichzeitig sind wir vorsichtig bei Ländern mit hohen externen Finanzierungsbedürfnissen und schwachen institutionellen Rahmenbedingungen. Die zunehmende Fragmentierung des globalen Finanzsystems erhöht die Refinanzierungsrisiken für Länder mit eingeschränktem Marktzugang.
Die Allokation zu Lokalwährungsanleihen erfordert eine differenzierte Analyse von Währungs- und Zinsrisiken. Unsere proprietären Währungsmodelle kombinieren fundamentale Bewertungsmaßstäbe (kaufkraftparitätsbasierte Bewertungen, reale effektive Wechselkurse) mit technischen Faktoren und Kapitalflussanalysen.
Besonders interessant erscheinen derzeit:
Brasilianischer Real (BRL): Trotz der politischen Volatilität bietet der Real eine attraktive Carry, unterstützt durch die konservative Geldpolitik der brasilianischen Zentralbank und verbesserte Terms of Trade.
Indische Rupie (INR): Die strukturellen Wirtschaftsreformen, das robuste Wachstum und die zunehmende Integration in globale Lieferketten unterstützen die langfristigen Aussichten der Rupie.
Tschechische Krone (CZK): Die Krone profitiert von der engen wirtschaftlichen Integration mit Deutschland und der konservativen Geldpolitik der tschechischen Nationalbank.
Für risikoaverse Investoren empfehlen wir währungsgesicherte Strategien mit Fokus auf lokale Zinsrisiken. Die oft steilen Zinskurven in Schwellenländern bieten attraktive Roll-down-Erträge, während das Währungsrisiko durch Hedging-Strategien reduziert wird.
Ein besonderes Augenmerk richten wir auf die Integration von ESG-Faktoren in unsere Schwellenländeranalyse. Klimarisiken und Governance-Aspekte werden zunehmend in den Risikoprämien eingepreist, wobei der Markt die langfristigen finanziellen Implikationen schwacher ESG-Profile oft unterschätzt.
Unsere detaillierte ESG-Länderanalyse zeigt, dass Verbesserungen in der Governance-Qualität zu einer signifikanten Reduzierung der Finanzierungskosten führen können. Länder wie Kolumbien, Malaysia und die Philippinen haben durch institutionelle Reformen ihre Kreditprofile verbessert und die Risikoprämien reduziert.
Die Klimarisiken sind besonders relevant für Schwellenländer, da viele von ihnen geografisch und wirtschaftlich anfälliger für Klimaereignisse sind. Unsere Klimarisikomodelle zeigen, dass bestimmte Regionen wie Südostasien, Zentralamerika und Teile Afrikas besonders exponiert sind. Diese physischen Risiken werden in den Marktpreisen oft nicht angemessen reflektiert.
Die Anlegerstruktur im EM-Anleihenmarkt hat sich in den letzten Jahren signifikant verändert. Der Anteil lokaler Investoren ist gestiegen, was zu einer stabileren Nachfragebasis und reduzierter Volatilität in Stressperioden führt.
Gleichzeitig beobachten wir eine zunehmende Spezialisierung internationaler Investoren, mit dediziertem Fokus auf bestimmte Regionen oder Marktsegmente. Diese Fragmentierung kann zu Preisineffizienzen führen, die aktive Manager nutzen können.
Die Indexinklusion ist ein weiterer wichtiger technischer Faktor. Die Aufnahme chinesischer Staatsanleihen in globale Indizes hat zu signifikanten passiven Zuflüssen geführt, während andere Märkte wie Rumänien, Uruguay oder Kolumbien von ähnlichen Indexanpassungen profitieren könnten.
Die strukturellen Umbrüche im globalen Anleihenmarkt erfordern eine Neukalibrierung von Anlagestrategien und Risikomanagementansätzen. Basierend auf unserer Analyse empfehlen wir folgende strategische Positionierung:
Die neue Zinslandschaft verändert grundlegend die optimale Asset-Allokation für institutionelle und private Anleger. Fixed Income kehrt als eigenständige Anlageklasse mit attraktivem Risiko-Rendite-Profil zurück und sollte wieder einen zentralen Platz in diversifizierten Portfolios einnehmen.
Unsere Portfoliooptimierungsmodelle zeigen, dass eine ausgewogene Allokation zu Staatsanleihen, Credits und Schwellenländeranleihen die Effizienzgrenze signifikant verbessert. Die höheren Renditen im Anleihenbereich reduzieren den Druck, übermäßige Risiken in Aktien- oder alternativen Anlagen einzugehen.
Für ein ausgewogenes Multi-Asset-Portfolio empfehlen wir folgende Anleihenallokation:
Diese diversifizierte Anleihenallokation bietet eine attraktive Carry, Potenzial für Kursgewinne bei Zinssenkungen und begrenzte Drawdown-Risiken in Stressszenarien.
Eine neutrale bis leicht unterdurchschnittliche Duration erscheint angesichts der stabilen Zinslandschaft angemessen, wobei taktische Anpassungen basierend auf geldpolitischen Entwicklungen sinnvoll sind.
Unser proprietäres Durationsmodell, das makroökonomische Daten, technische Faktoren und Zentralbankrhetorik integriert, deutet auf eine optimale Duration von 80-90% des Benchmarkniveaus hin. Besonders attraktiv erscheint eine Barbell-Strategie mit Übergewichtung im kurzen (1-3 Jahre) und langen (10+ Jahre) Segment, bei Untergewichtung im mittleren Bereich.
Die lange Duration sollte vorzugsweise über hochqualitative Staatsanleihen implementiert werden, während im kurzen Bereich Credits für zusätzliche Carry sorgen können. Diese Konstruktion bietet Schutz sowohl gegen Inflationsüberraschungen als auch gegen wirtschaftliche Abschwächung.
Die verbesserte Kompensation für Kreditrisiken rechtfertigt eine Übergewichtung von Unternehmensanleihen, insbesondere im BBB-Segment, das ein attraktives Risiko-Rendite-Profil bietet.
Unsere Kreditanalyse zeigt, dass BBB-Unternehmensanleihen eine optimale Kombination aus Rendite und Risiko bieten. Die Spreads von 110-140 Basispunkten (US/Europa) bieten eine angemessene Kompensation für das Kreditrisiko, während die Fundamentaldaten dieser Emittenten in der Regel robust sind. Besonders interessant erscheinen defensive Sektoren wie Versorger, Telekommunikation und Konsumgüter.
Im High-Yield-Bereich empfehlen wir einen selektiven Ansatz mit Fokus auf BB-Emittenten mit soliden Geschäftsmodellen und ausreichender Liquidität. Die Spreads von 300-350 Basispunkten bieten eine attraktive Risikoprämie, während das fundamentale Risikoprofil überschaubar bleibt.
Eine differenzierte Länderauswahl ist entscheidend, wobei Länder mit soliden Fundamentaldaten und positiven strukturellen Trends bevorzugt werden sollten.
Aufgrund der zunehmenden Heterogenität der Schwellenländer empfehlen wir einen hochselektiven Ansatz, der auf unserer umfassenden Länderanalyse basiert. Länder mit soliden externen Positionen, nachhaltiger Fiskalpolitik und stabilen politischen Rahmenbedingungen sollten bevorzugt werden.
Unsere aktuellen Top-Picks umfassen:
Für risikoaverse Investoren empfehlen wir einen Fokus auf Investment-Grade-Emittenten und währungsgesicherte Strategien, während opportunistischere Anleger von der höheren Carry in Lokalwährungsanleihen profitieren können.
Die Divergenz der Geldpolitik zwischen verschiedenen Wirtschaftsräumen bietet Opportunitäten für Cross-Currency-Strategien und relative-Value-Trades.
Die unterschiedlichen Zeitpunkte und Geschwindigkeiten der geldpolitischen Lockerung schaffen interessante relative-Value-Opportunitäten. Basierend auf unseren Zinsmodellen und der Analyse der Forward-Kurven erscheinen folgende Strategien besonders attraktiv:
US-Europa Spread-Kompression: Die Zinsdifferenz zwischen 10-jährigen US-Treasuries und deutschen Bundesanleihen dürfte sich in den kommenden 12-18 Monaten verengen, da die Fed ihren Lockerungszyklus beginnt, während die EZB bereits weiter fortgeschritten ist.
UK-Europa Relativer Wert: Britische Gilts erscheinen unterbewertet im Vergleich zu europäischen Kern-Staatsanleihen, insbesondere im 5-7-jährigen Segment, wo die Spreads historische Höchststände erreicht haben.
Japan-Divergenz-Strategie: Die anhaltende Yield-Curve-Control der Bank of Japan schafft Arbitragemöglichkeiten, insbesondere durch währungsgesicherte Positionen in Verbindung mit Derivatstrategien.
Diese relativen Wertstrategien können die absolute Performance eines Fixed-Income-Portfolios verbessern, ohne zusätzliche Direktionalität einzugehen.
Die Nutzung nicht-traditioneller Informationsquellen und fortschrittlicher Analysemethoden kann in einem zunehmend effizienten Markt wertvolle Einblicke liefern.
Die Integration alternativer Datenquellen in den Investmentprozess wird immer wichtiger, um in einem informationseffizienten Markt Überrenditen zu erzielen. Zu den relevantesten alternativen Datenquellen für Fixed-Income-Investoren zählen:
Echtzeit-Wirtschaftsindikatoren: Mobilitätsdaten, Kreditkartentransaktionen, Stellenanzeigen und andere hochfrequente Indikatoren ermöglichen eine präzisere Einschätzung der wirtschaftlichen Dynamik.
Textanalyse von Zentralbankkommunikation: Fortschrittliche NLP-Algorithmen können subtile Veränderungen in der Kommunikation der Zentralbanken identifizieren und wertvolle Hinweise auf zukünftige geldpolitische Entscheidungen liefern.
Sentiment-Analysen und Positionierungsdaten: Die Analyse von Investorensentiment und Positionierungen kann Hinweise auf temporäre Marktverzerrungen und potenzielle Umkehrpunkte geben.
Satellitenbilder und Umweltdaten: Für bestimmte Sektoren wie Energie, Landwirtschaft und Versicherungen können diese Daten wertvolle Einblicke in physische Risiken und operative Entwicklungen bieten.
Unsere Research-Abteilung hat ein integriertes Datenanalyseframework entwickelt, das traditionelle und alternative Datenquellen kombiniert und mittels maschineller Lernalgorithmen verarbeitet. Dieses System hat sich als wertvoll für die taktische Allokation und das Timing von Investmententscheidungen erwiesen.
Das Risikomanagement muss an die veränderte Marktdynamik angepasst werden. Traditionelle Risikomodelle, die auf historischen Korrelationen basieren, können in der aktuellen Übergangsphase irreführend sein.
Unsere Forschung zeigt, dass sich die Korrelationsstruktur zwischen verschiedenen Fixed-Income-Segmenten signifikant verändert hat. Die Korrelation zwischen Staatsanleihen und Aktien ist wieder negativ geworden, was die Diversifikationsvorteile von Duration erhöht. Gleichzeitig beobachten wir eine erhöhte Korrelation innerhalb von Kreditsegmenten, was die Diversifikation innerhalb des Credit-Universums reduziert.
Für ein robustes Risikomanagement empfehlen wir:
Stress-Testing mit verschiedenen Zinsszenarien: Traditionelle VaR-Modelle sollten durch umfassende Stresstests ergänzt werden, die verschiedene Zins- und Spreadentwicklungen simulieren.
Liquiditätsmanagement: Die Portfoliokonstruktion sollte explizit Liquiditätsrisiken berücksichtigen, mit einer ausgewogenen Allokation zwischen hochliquiden Instrumenten und illiquiden Prämieninvestments.
Dynamische Absicherungsstrategien: Anstelle statischer Hedges empfehlen wir dynamische Absicherungsstrategien, die sich an verändernde Marktbedingungen anpassen.
Tail-Risk-Hedging: Selektive Optionsstrategien können Schutz gegen extreme Marktereignisse bieten, ohne die laufende Performance signifikant zu beeinträchtigen.
Die neue Zinslandschaft bietet signifikante Chancen für Fixed-Income-Investoren, erfordert aber ein grundlegendes Umdenken in Bezug auf Portfoliokonstruktion, Risikomanagement und Investmentstrategien. Die Rückkehr zu “normaleren” Zinsniveaus macht Anleihen wieder zu einer attraktiven eigenständigen Anlageklasse und reduziert den Druck, übermäßige Risiken in anderen Assetklassen einzugehen.
Die kommenden Jahre werden voraussichtlich von moderater Volatilität geprägt sein, mit gelegentlichen Phasen erhöhter Marktspannungen während des Übergangs zu einem neuen Gleichgewicht. In diesem Umfeld werden aktive Manager mit überlegenen Analyse- und Selektionsfähigkeiten signifikante Mehrwerte generieren können.
Die langfristigen strukturellen Trends – Deglobalisierung, demographischer Wandel, Energiewende und technologische Disruption – werden die Zins- und Kreditlandschaft weiterhin formen und neue Herausforderungen sowie Opportunitäten schaffen. Ein tiefes Verständnis dieser Makrotrends, kombiniert mit präziser Mikro- und Sektoranalyse, wird entscheidend für den Investmenterfolg sein.
Mit einem differenzierten, datengestützten Ansatz und einem tiefen Verständnis der strukturellen Marktveränderungen können Investoren in diesem komplexen Umfeld erfolgreich navigieren und attraktive risikoadjustierte Renditen erzielen.
Dr. Matthias Weidenfeld ist Leiter des Fixed Income Research bei STL Deutschland. Mit über 20 Jahren Erfahrung in der Analyse globaler Anleihenmärkte hat er zahlreiche institutionelle Investoren zu optimalen Anleihenstrategien beraten. Vor seiner Tätigkeit bei STL war er als Senior Strategist bei einer führenden europäischen Zentralbank tätig und lehrte Finanzwissenschaften an der Universität Frankfurt. Dr. Weidenfeld promovierte an der London School of Economics mit einer Arbeit über die Term Structure of Interest Rates.
Diese Analyse wurde von STL Deutschland erstellt und dient ausschließlich Informationszwecken. Sie stellt keine Anlageberatung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar. Die in diesem Dokument enthaltenen Informationen basieren auf Quellen, die wir für zuverlässig halten, für deren Richtigkeit und Vollständigkeit wir jedoch keine Gewähr übernehmen können.
Dr. Matthias Weidenfeld, Leiter Anleihenanalyse | Februar 2025
Dr. Stefan Breitenbach, Leiter Aktienanalyse | Februar 2025
Dr. Julia Schwarzmann, Leiterin Alternative Investments | Februar 2025
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